Aus dem Depot: Lutze-Büste

„Denke dir eine kurze gedrungene Gestalt mit einem großen, aber schönen und intelligenten Kopf, von welchem lange schwarzgraue Haare bis auf den Rücken herabhängen und ein ungeheurer Prophetenbart, der wie eine Schürze die halbe Vorderseite des kleinen Kerls zudeckt.“ So beschreibt Maler, Schriftsteller und Anhaltisch-Bernburger Kammerherr Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) den Begründer der homöopathischen Lutze-Klinik in seinen berühmten „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“. Kügelgen hatte von den aufsehenerregenden Heilerfolgen Lutzes gehört und sich auf den Weg nach Köthen gemacht. Seine unterhaltsame Beschreibung des Aufenthaltes schwankt zwischen bissigem Spott, ungläubigem Staunen und Anerkennung. Die Ausführungen machen deutlich, was auch die Zeitgenossen Lutzes heftig bewegte: Der Mann war ein schillernder Charakter, an dem sich nicht nur die Köthener Geister durchaus schieden.

1813 wurde Arthur Lutze in Berlin als Sohn eines Kaufmannes und englischen Konsuls geboren, nach dem frühen Tod des Vaters war sein Wunsch, Theologie zu studieren, finanziell nicht machbar. So trat Lutze in den Postdienst ein und arbeitete u.a. in Neustadt-Eberswalde oder in Erfurt. Ab 1837 beschäftigte er sich, angeregt durch den Homöopathen Dr. Philipp Rath aus Magdeburg, mit dieser Heilmethode und nahm zwei Jahre später in Halle (Saale) nebenberuflich die Tätigkeit als Heiler auf. 1843 aus dem Postdienst entlassen, geriet Lutze wegen des Praktizierens ins Visier der Staatsanwaltschaft. Zwischenzeitlich arbeitete er als Hauslehrer an einer Waisenanstalt, behandelte aber weiterhin Patienten. Die preußische Regierung zwang ihn zu einem Examen, die Prüfung durch drei homöopathische Ärzte wurde aber nicht anerkannt. Dennoch richtete sich Lutze ein „Kinder-Lazarett“ mit dem Namen „Hahnemannia“ ein, nannte sich selbst dessen Direktor und „Doktor der reinen Homöopathie“. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den Behörden, Prozesse wegen unerlaubten Heilens und Verabreichens von Medikamenten und Tötung von Patienten folgten. Ein Verbot des Praktizierens sowie ein sechswöchiger Gefängnisaufenthalt waren die Konsequenz. Lutze entdeckte in dieser Zeit - nach eigener Aussage - seine „magnetischen Kräfte“.

Am 30. Oktober 1846 erteilte ihm der Köthener Herzog Heinrich die Erlaubnis, temporär als Arzt in Köthen zu praktizieren. Zu dieser Zeit hatte sich Lutze im Gasthof „Zum bunten Fasan“ in der heutigen Bernburger Straße längst Praxisräume eingerichtet.  1847 erwarb er an der Ecke Springstraße/Lange Straße ein Grundstück vom Herzoglichen Mundkoch Desbarates. Seit 1850 mit der Doktorwürde der Universität Jena versehen, ließ er ab Herbst 1854 eine Klinik errichten, wobei nach eigener Aussage der Rohbau bereits nach acht Wochen fertig war. Am 10. April 1855, das Datum war auf den 100. Geburtstag von Samuel Hahnemann gelegt worden, eröffnete die nach damaligen Maßstäben sehr moderne Klinik. Gekommen waren auch die noch in Köthen lebenden Töchter Samuel Hahnemanns, Louise und Charlotte. Zu den besagten modernen Einrichtungen wie einer „Schwebemaschine“ (Fahrstuhl) und Warmwasserheizungen gesellte sich eine prächtige Ausstattung. In den 72 Zimmern konnte man - je nach Geldbeutel – mit luxuriöser Wellness-Behandlung bis hin zu ambulanter Versorgung kuriert werden. Lutze machte den betuchten Gästen den Aufenthalt mit Musik und Theater angenehm und ließ sie mit Pferde-Omnibussen vom Bahnhof abholen. Gleichzeitig waren ihm aber auch ärmere Patienten wichtig, sie ließ er kostenlos behandeln, was ihm Reputation einbrachte. Für 1862 findet sich in seinen Aufzeichnungen die fantastisch anmutende Anzahl von 173 277 Patienten, die er mit seinen 20 Angestellten behandelt haben will, davon gut drei Viertel kostenlos. Auch nach Lutzes Tod 1870 blieb die Klinik in Betrieb, die Nachkommen Arthur Lutzes lebten und praktizierten hier bis 1945. Nach dem Krieg flohen sie im Juli 1945 in die westlichen Besatzungszonen.