Bach in Köthen

Taufzwang in der Schlosskapelle

 

Johann Sebastian Bach war ein ausgeprägter Familienmensch und so steht es außer Frage, dass er sich über die Geburt eines weiteren Kindes 1718 gefreut haben dürfte. Am 15. November war es soweit und Bachs Frau Maria Barbara brachte einen Sohn zur Welt. Es war das siebte Kind der Beiden, allerdings waren ein Sohn und eine Tochter bereits verstorben.

Wichtigste Aufgabe für die Eltern war nun, das Neugeborene taufen zu lassen. Bach war Lutheraner und mithin Gemeindeglied der Agnuskirche in der Stiftstraße. Normalerweise wäre es außerhalb jeglicher Diskussion gewesen, die Taufe in einem anderen Gotteshaus auszurichten. Aber die konfessionelle Situation in Köthen vor 300 Jahren gestaltete sich kompliziert. Fürst Leopold war evangelisch-reformiert, was seit 1596 die Konfession des Hauses Anhalt war. Als Bach 1717 nach Köthen kam, gab es durch die lutherische Mutter des Fürsten, Gisela Agnes, seit fast 25 Jahren auch eine evangelisch-lutherische Gemeinde, die seit 1699 mit der besagten Agnuskirche über ein Gotteshaus verfügte. Die Situation zwischen den Reformierten und den Lutheranern war angespannt, immer wieder kam es zum Zwist um Privilegien und Finanzen, die sich in zähen Verhandlungen und Intrigen Bahn brachen.

Johann Sebastian Bach musste nun erfahren, dass der reformierte Fürst, der ihm normalerweise äußerst gewogen war, das reformierte Konsistorium als Stütze seiner Macht auch gegenüber der zeitweise sehr ungeliebten Mutter brauchte. In Sachen Taufe kam ein sogenannter Erläuterungs-Rezess ins Spiel, welcher erst im Juli 1718 in Kraft getreten war. Dieser schrieb vor, dass alle Taufen und Hochzeiten von bei Hofe angestellten Personen prinzipiell in der fürstlichen Schlosskapelle auszuführen wären.

Dies muss für Bach einen großen Konflikt bedeutet haben, gab es doch gewaltige Unterschiede zwischen der reformierten und der lutherischen Konfession. Zwar war die Taufe in beiden Konfessionen ein Sakrament, allerdings in der reformierten Konfession im Gegensatz zur lutherischen eher symbolhaft, eine göttliche Wirkung anschaulich machend, sie aber nicht bewirkend.

Bach konnte es sich nicht leisten, einen langwierigen Streit zu riskieren. So wurde das Kind am 17. November 1718 in der Schlosskapelle getauft. Der gewählte Name deutet es schon an, der kleine Leopold August hatte hochadelige Taufpaten. Das war bei Taufen von an Fürstenhöfen angestelltem Personal nicht ungewöhnlich. Erstaunlich ist die Anzahl, denn von den fünf Paten sind gleich drei aus dem Hause Anhalt-Köthen, die noch dazu Geschwister waren: Fürst Leopold, Bachs Dienstherr, Fürst August Ludwig, der jüngere Bruder Leopolds und diesem zumeist in herzlicher Abneigung verbunden, und Eleonora Wilhelmina, Herzogin zu Sachsen-Weimar und geborene Prinzessin zu Anhalt-Köthen. Auf deren Hochzeit mit Herzog Ernst August zu Sachsen-Weimar hatte Fürst Leopold seinen späteren Hofkapellmeister Bach wohl kennengelernt und allen Indizien nach verkehrte der Komponist mit dem Herzogspaar sehr freundschaftlich. Nicht vergessen werden sollen die beiden anderen Taufpaten: Christoph Jost von Zanthier, der Geheime Rat des Fürsten und dessen Vertrauter, und Juliana Magdalene, die Ehefrau vom Köthener Hofmeister Gottlob von Nostitz.

Dass Bach bei seinem Fürsten später durchsetzte, die zweite Hochzeit statt wie vorgeschrieben in der Schlosskapelle in seinem privaten Wohnhaus halten zu können, wird oft als Indiz dafür gewertet, dass ihm der „Erläuterungs-Rezess“ durchaus zuwider war. Theologisch jedenfalls gab es zu dieser Zeit genügend kompetente Einlassungen, die zumindest keine religiösen Hindernisse sahen. Zudem dürfte Bach nicht allzu fanatisch in derlei Dingen gewesen sein, sonst hätte er schlecht für einen reformierten Dienstherrn arbeiten können.

Dem kleinen Leopold August halfen die fürstlichen Weihen nichts. Bereits am 28. September 1719 mussten die Eltern ihren Sohn zu Grabe tragen. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem lutherischen Gottesacker, heute ein Teil des Friedensparks. Die Lage des Grabes ist ebenso unbekannt wie jene vom Grab Maria Barbaras, die am 7. Juli 1720 mit großen Ehren seitens der lutherischen Gemeinde aber unter Abwesenheit ihres Ehemannes, der den Fürsten auf einer Reise nach Karlsbad begleitete, zu Grabe getragen wurde. Das Foto zeigt den Taufeintrag.