Homöopathie: Auf Hahnemanns Spuren

In Dresden in seinen Hoffnungen enttäuscht, verließ Samuel Hahnemann die Stadt. 1789 zog er mit Frau und mittlerweile drei Kindern zunächst nach Lockwitz, heute ein Stadtteil im Südosten von Dresden, später nach Leipzig und dann in den Leipziger Vorort Stötteritz. Dort übersetzte er 1790 die zweibändige Arzneimittellehre des Schotten William Cullen, eines damals sehr bekannten Mediziners. Hahnemann kritisierte in einer Fußnote zu seiner Übersetzung, dass Cullen die bekannte Wirkung der Chinarinde bei Malaria („Wechselfieber“) auf deren magenstärkende Eigenschaften zurückführte. Da ihn Cullens Erklärung nicht überzeugte, kam Hahnemann auf die Idee, die Wirkung dieses Medikaments am eigenen gesunden Körper zu überprüfen. Er schrieb einen Bericht über seinen wiederholten Selbstversuch mit der Chinarinde, die nach seinen Angaben bei ihm „alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen“ hervorrief – „doch ohne eigentlichen Fieberschauder“. Hahnemann formulierte die Vermutung, dass diese Fähigkeit, vergleichbare Symptome hervorzurufen, für die Heilwirkung der Chinarinde bei Malaria verantwortlich sein könnte. Sechs Jahre lang prüfte er seine erst später ausformulierte Hypothese, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ geheilt werden könne. Die Ergebnisse seiner Arzneiprüfungen und die Summe seiner Reflexionen über dieses Phänomen veröffentlichte er schließlich 1796 in einer der damals angesehensten medizinischen Zeitschriften, nämlich Hufelands „Journal der practischen Arzneykunde“. Dieses Datum gilt gemeinhin als die Geburtsstunde der Homöopathie.

1791 wurde Hahnemann in die renommierte „Churfürstlich Mayntzische Academie nützlicher Wissenschaften“ zu Erfurt aufgenommen, zwei Jahre später wurde er zudem zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt. Da hatte der Arzt bereits Erfahrungen auf einem Gebiet gesammelt, dem er sich bislang nicht gewidmet hatte. Hahnemann unternahm das riskante Unternehmen, eine private „Irrenanstalt für die besseren Stände“ in dem unweit von Gotha gelegenen Schloss Georgenthal einzurichten. Der Landesfürst hatte ihm dafür einen Schlossflügel zur Verfügung gestellt. Im Unterschied zum damals üblichen repressiven Umgang mit Geisteskranken behandelte Hahnemann seinen einzigen, aber zahlungskräftigen Patienten, den Kanzleirat Friedrich Arnold Klockenbring, in einer menschlich-fürsorglichen Weise, die sich erst einige Jahrzehnte später in der Irrenreformbewegung auf breiter Basis durchsetzen sollte. Hahnemann teilte ein dreiviertel Jahr lang Wohnung und Leben mit dem Schizophreniekranken Klockenbring und führte diesen auf psychotherapeutischen Wegen zur Heilung. Als der Patient von Hahnemann im Frühjahr 1793 als geheilt entlassen wurde, musste der Mediziner allerdings seine Anstalt mangels weiterer Patienten schließen. Der psychotherapeutische Versuch wurde als Artikel „Striche zur Schilderung Klockenbrings während seines Trübsinns“ in der „Deutschen Monatsschrift“ 1796 veröffentlicht. Ein späterer, ähnlicher Versuch beim Dichter Johann Karl Wezel in Hamburg-Altona scheiterte und endete mit dem Rauswurf der Familie Hahnemann aus deren Wohnung. Hahnemann war jedoch einer der ersten Ärzte, die den Optimismus der Aufklärung, den Menschen aus seiner Unmündigkeit herausführen zu können, auf den Geisteskranken und seine Behandlung zu übertragen versuchten.