Bach in Köthen

Bach und sein Gang durch das Schloss

Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach – das hat Klang. Ein hoher Titel im Hofumfeld war es allemal. Zudem war es damals der höchste Rang im Musikerleben, den man bekommen konnte und sicher nicht der unwichtigste Grund für Bach, aus Weimar nach Köthen zu gehen. War er doch bei Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar als Konzertmeister nur in der zweiten Reihe, was umso frustrierender war, als sein tatsächliches Arbeitspensum weit über dieses Amt hinausging.

Nun war er in Köthen, der „Herr Capellmeister“, wie er sich selbst ins Konfitentenregister der Sankt Agnuskirche eintrug. Trotzdem gab es für ihn im Leben am fürstlichen Hof Regeln, denen auch er unterlag. Nicht jeden Weg durfte er im Schloss gehen, nicht jede Tür durchschreiten. Ein Beispiel gefällig? Wenn die Museen wieder geöffnet sind, besuchen Sie den Ludwigsbau, gehen die Wendeltreppe in den ersten Stock und betreten durch das Foyer die Bachgedenkstätte. Ganz einfach und selbstverständlich, aber nicht vor 300 Jahren und nicht für Bach.

Bach war trotz seines hohen Ranges letztlich ein Diener. Das heutige Westfoyer war damals Empfangszimmer, gleichsam eine Art kleiner Thronsaal, der für Audienzen genutzt wurde. Das bot sich zum einen an, weil dieser kleinere Raum wesentlich besser zu heizen war, als der „Große Saal“, der damals noch mit grüner Halbseidentapete und flacher Decke geschmückt war und erst 100 Jahre nach Bach seine heutige Gestalt als Spiegelsaal bekam. Zum anderen gingen vom kleineren Raum im ersten Stock die beiden fürstlichen Privatwohnungen ab, nach Westen die Wohnung des Fürsten, nach Osten die Wohnung der Fürstin. Getrennte Wohnungen verwundern nur im ersten Moment. Im Barock waren die wenigsten fürstlichen Ehen Liebesheiraten. War für männlichen Nachwuchs gesorgt, ging man sich tunlichst aus dem Wege. Das Mätressenwesen war in adeligen Kreisen keinesfalls selten.

Doch zurück zu Bach. Ihm war es nicht erlaubt, durch die fürstlichen Wohnungen zu spazieren. Nicht nur, dass es sich nicht geziemte, es war schlicht verboten. Was machte er aber nun, wenn er im Thronzimmer stand und ans andere Ende des Schlosses musste? Zum Beispiel in die Schankstube im östlichen Teil des Erdgeschosses oder ins Musicalienzimmer im Torhaus? Wieder die Treppe hinunter und über den Hof? Nein, da hatte man sich etwas einfallen lassen, den Kavaliersgang nämlich. Es gibt ihn auch heute noch, allerdings ist er im Gegensatz zu barocken Zeiten seit dem 19. Jahrhundert verglast. Bach hat ihn noch offen gesehen, mit wunderbaren Bildhauerarbeiten von Hoppenhaupt verziert. Durch diesen Gang konnte man bequem von einer Seite zur anderen eilen. Zudem war der Gang etwas tiefer angelegt, damit sich dem Personal nicht mit einem Blick durch das Fenster etwaige private Einblicke boten.

Auch in der Schlosskapelle gab es Regeln. Während Johann Sebastian Bach mit dem anderen Hofstaat von außen durch eine kleine Tür in die Kapelle gehen musste, hatte die fürstliche Familie einen exklusiven Zugang über das Apothekengewölbe auf ihren Fürstenstuhl, also den Balkon. Wobei Bach als Lutheraner selten in der Schlosskapelle mit ihren reformiert-kalvinistischen Gottesdiensten gewesen ist. Offiziell eigentlich nur einmal.