Bach in Köthen

Wie gründlich Johann Sebastian Bach sein zukünftiges Umfeld vor dem Umzug von Weimar nach Köthen 1717 recherchierte, ist nicht bekannt. Aber er kam aus in Größe und Struktur vergleichbaren Städten und fand sich sicherlich schnell zurecht.

Köthen hatte damals über 3 000 Einwohner und war Residenzstadt des Fürstentums Anhalt-Köthen. Fürst Leopold gebot über insgesamt nicht viel mehr als 10 000 Menschen. So war der politische Einfluss überregional überschaubar, solange der Fürst nicht eine Karriere in Militär oder Politik anstrebte. Leopolds berühmter Dessauer Namensvetter wäre hier ein beredtes Beispiel. Den Wunschtraum eines ähnlichen Werdeganges musste der Köthener Leopold schon aus gesundheitlichen Gründen früh zu den Akten legen.

Köthen war sehr ländlich geprägt, Höfe mit Scheunen und Ställen gab es bis in den Stadtkern hinein. Die Köthener Bürger lebten meist in bescheiden-idyllischen Häusern, oft mit einem Laubengang. Die Struktur der Straßen war seit der Ersterwähnung 1115 im Zentrum unverändert, dies ist auch heute noch so. Wenn Johann Sebastian Bach etwa 1718 aus seiner ersten Wohnung am heutigen Holzmarkt trat, hatte er den Handelsplatz der Stadt direkt vor Augen. Die Namen sagen es schon: Holzmarkt und Buttermarkt. Auf dem Platz gab es auch den so wichtigen Brunnen in unmittelbarer Nähe. Der heutige Marktplatz war damals nicht viel mehr als ein aufgelassener alter Friedhof. Bis 1621 hatte man dort bestattet, um den Platz herum stand sogar noch eine heute nicht mehr vorhandene Häuserreihe, wenig schmeichelhaft als „Totengasse“ bezeichnet. Die direkt danebenstehende Jakobskirche war damals noch ohne Turm, der erste war 1599 eingestürzt und neue Projekte bis dahin gescheitert. Für Bach war das kein ungewohnter Anblick, seine „Neue Kirche“ in Arnstadt ist bis heute turmlos. Die Schulstraße hinter der Kirche und die daran anschließende Wallstraße nahm man erst 1719 in Angriff und errichtete an der Stelle des einstigen Schießwalles eine wesentliche Stadterweiterung. Die Jakobskirche dürfte Bach meist nur passiert haben, seine Kirche war die Agnuskirche in der heutigen Stiftstraße. Kirchenregister belegen, dass Bach fleißig den Gottesdienst besuchte.

Für heutige Köthener irritierend dürfte der Gedanke sein, dass der kurze Weg zum Schloss, der heutzutage etwa über die Ritterstraße oder den Brauhausplatz/Lindenstraße genommen wird, damals nicht möglich war. Die Köthener Innenstadt war zu Bachs Zeiten von Mauern und Türmen umgeben. Nach Süden gab es den Halleschen Turm, nach Nordwesten den Magdeburger Turm und nach Südosten den Schalaunischen Turm, der aber noch zu Bachs Zeiten abgerissen wurde. Alle drei Punkte waren gesichert durch Doppeltoranlagen. Dazu kamen noch zwei kleinere Tore, zum einen die Springpforte (dort wo heute die Lutzeklinik steht) und zum anderen die Klipppforte (im Neumarkt). Zwischen Innenstadt und Schloss verlief eine Mauer, direkt entlang der heutigen Lindenstraße und über den Schlossplatz. Nur über Spring- oder Klipppforte konnte Bach ins Schloss gelangen.