Wallstraße

Zu sehen sind eine Reihe sehr spannender Häuser, von denen einige heute nicht mehr stehen. Heute noch vorhanden ist das direkt auf der Ecke befindliche Hahnemann-Haus. Dr. Samuel Hahnemann selbst lebte bis 1835 hier, ging dann nach Paris, wo er 1843 starb. Es ist allerdings sehr gut möglich, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme des hier gezeigten Fotos zumindest seine 1878 in Köthen gestorbene Tochter Louise noch in dem Haus lebt. Viele Geschichten kreisen um dieses Haus, hierzu empfehlen wir den Text zum Bild Nummer 9 des Bilderreigens zu lesen.

Rechts daneben schließen sich mehrere Gebäude an, von denen das mittlere die Bezeichnung „Armenschule“ über der Tür trägt. Das legt nahe, dass das Bild vor 1882 aufgenommen sein muss, da bis dahin die Schule bestand. Der Glockenturm verweist aber auf eine ursprünglich gänzlich andere Nutzung. 1835 waren Herzog Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie zum katholischen Glauben übergetreten und taten trotz oder geraden wegen der großen Aufregung um diesen Schritt alles, um diesen Glauben zu fördern. Dazu gehörte auch der Plan, ein Kloster nach Köthen zu holen. Die Wahl war auf den Orden der Barmherzigen Brüder gefallen, die sich durch ihre Arbeit als Ärzte und großes karitatives Wirken besonders anboten. Der Vatikan stimmte 1828 zu und das Herzogspaar kaufte die beiden rechts im Bild zu sehenden Häuser gemeinsam, um, wie der Herzog anmerkte, auch gemeinsam der daraus erwachsenden göttlichen Gnade zuteil zu werden. Dazu kamen noch Gärten im Neumarkt und im darauffolgenden Jahr das Haus neben dem Hahnemann-Haus, das dann mit Unterstützung des Herzogs zur Kapelle umgebaut wurde. Im Bild sieht man sehr deutlich die Handschrift des Architekten und Hofbauconducteurs Bandhauer, der den Umbau ab Juli 1829 bewerkstelligte. Der Papst persönlich schenkte für die Ausstattung des Köthener Klosters aus den Vatikanischen Sammlungen ein Gemälde von Cristofang Roncalli, die Darstellung einer schmerzhaften Gottesmutter, heute in der Marienkirche befindlich.

Bandhauer war es auch, der hinter diesen Häusern ein dringend notwendiges Spitalgebäude errichtete. Denn mittlerweile pflegten die Mönche, ordenstypisch Fratres genannt, kostenlos viele Kranke. Im Oktober 1830 wurde es fertig und nun konnte nach bescheidenen Anfängen ein für damalige Verhältnisse äußerst moderner Krankenhausbetrieb aufgenommen werden. Auf Hygiene wurde, damals beileibe nicht selbstverständlich, äußerster Wert gelegt und die täglichen Visiten erlebten die Patienten in Einzelbetten und hohen, luftigen Räumen.

Der Tod Herzog Friedrich Ferdinands am 29. August 1830 hatte allerdings zwischenzeitlich die politische Situation dramatisch verändert und Herzogin-Witwe Julie flüchtete angesichts der Anfeindungen zwei Wochen später nach Wien. Nichtsdestotrotz war der protestantische Bruder und Nachfolger Friedrich Ferdinands, Herzog Heinrich, den Klosterbrüdern gewogen und unterstützte es. 1832 lief das Gelübde der Ordensbrüder aus und trotz des aufrichtigen Bedauerns des Herzogs verließen sie im April die Stadt.

Im November 1832 gab der Herzog seine Entscheidung bekannt, die Gebäude an der Straße für eine Armen- und eine Hauptschule nutzen zu wollen. Tatsächlich nahmen ein Jahr später ein Schullehrerseminar (bis 1854) und die besagte Armenschule (bis 1882) ihren Betrieb auf. Später gab es auf dem Gelände eine Hoftischlerei und Möbelfabrik Naumann und von 1913 bis 1960 das Tischler und Bestattungsunternehmen Franz Baschleben. Daran schloss sich die Nutzung des Spitals durch den VEB Innenausstattung und Möbeltischlerei an.

1982 wurden die Vordergebäude abgerissen. Das Spital nutze man zu dieser Zeit als Depot und Büro der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlungen des Historischen Museums und als Denkmalpflegewerkstatt des Rates des Kreises Köthen. Nach der Wende gab es Rückübertragungen, dann den Verkauf an die „Köthener Verwertungsgesellschaft“, die aber in Konkurs ging. Seit dem Frühjahr 2005 war die Stadt Eigentümerin und im Zuge der Internationalen Bauausstellung IBA 2010 wurde das Spital wunderbar restauriert und als „Europäische Bibliothek für Homöopathie“ wieder in Nutzung genommen. Im Erdgeschoss und zweiten Geschoss befinden sich zudem Räume für Veranstaltungen.