Wallstraße 27

Das Foto zeigt die Wallstraße 27, oft Palais auf dem Walle genannt. Der Aufnahmezeitpunkt ist nicht einfach zu bestimmen, es dürfte Ende der 1920er bzw. Anfang der 1930er Jahre entstanden sein. Hinter der eindrucksvollen Fassade verbirgt sich eine vielfältige und interessante Geschichte.

Die Wallstraße ist spätestens ab 1719 auf fürstlichen Befehl angelegt worden, um die extreme Knappheit an Fläche für die wachsende Einwohnerzahl von damals etwa 3000 zu beseitigen. Dazu hatte man, eventuell schon vorher, einen alten Wall, der von der Köthener Schützengilde auch als Schießbahn genutzt worden war, eingeebnet. Als Zubringer zur Stadt entstand die Schulstraße, dazu durchbrach man an dieser Stelle die alte Stadtmauer, was heute noch als schwarzer Streifen auf der Straße markiert ist. 1724 interessierte sich Marcus (I.) von Schnurbein (1671-1746), der einer Augsburger Handelskompanie vorstand, in Immobilien investierte und Finanzier der Insbrucker Hofkammer war, für Köthen. Hier gab es zwei Manufakturen, die Tressen, Säume, Troddeln, Litzen und vieles mehr produzierten. Betrieben wurden sie von den Leipziger Rats- und Handelsleuten Gottfried Winckler und Martin Bönigke. Beide waren durch nicht bezahlte Gold- und Silberlieferungen bei Schnurbein hoch verschuldet. Zunächst ereilte Bönigke 1723 das Schicksal, er verlor sein Geschäft an Schnurbein und wurde wegen illegaler Geschäfte, Bestechung und Beleidigung der Fürstenfamilie verhaftet und auf dem Köthener Schloss in Einzelhaft genommen. Ein Jahr später verlor Winckler sein Unternehmen, ebenfalls an Schnurbein.

Dieser ließ wohl 1726 den großen Bau „auf dem Walle“ errichten, dies mit fürstlicher Protektion und Unterstützung durch Arbeitskräfte. Nach seinem Tod 1746 übernahm sein Sohn Marcus (II.) von Schnurbein (1701-1791) endgültig den sächsich/anhaltischen Zweig der Familiengeschäfte, nachdem er die Geschäfte schon seit 1735 geführt hatte. Er muss zu dieser Zeit bereits in Köthen in diesem Haus gewohnt haben. Er bediente weite Geschäftsfelder, erwarb unter anderem das Rittergut in Kleinbadegast und führte die Augsburger Geschäfte der Familie. Bis zu seinem Tod wohnte er in Köthen und ließ sich standesbewusst begraben, hatte er doch als letzte Ruhestätte die ungenutzte Fürstengruft der lutherischen Sankt-Agnus-Kirche gewählt, wo er an der Seite seiner zweiten Ehefrau Maria Jacobina die letzte Ruhe fand. Für Verwirrung sorgt bis heute der große Obelisk im Friedenspark. Hier finden sich die Namen des Paares, was immer wieder für die Vermutung sorgte, hier befände sich das Grabmal. Es ist aber ein Gedenkstein zur Erinnerung.

1764 hatte Markus seinem Neffen Markus (III.) von Schnurbein (1743-1801) die Gold- und Silberwirkwarenmanufaktur übereignet. Dieser machte politisch Karriere, wurde zuerst kursächsischer, später auch anhaltischer Geheimer Kammerrat. Die Linie der Schnurbeins gibt es bis heute. Die Manufaktur hatte weniger Glück. Zwischenzeitlich von Verwandten der Schnurbeins, den Gebrüdern Pfister, geführt, musste sie 1800 aus Umsatzmangel den Betrieb einstellen, die Arbeiter wurden mit einer jährlichen Pension abgefunden. Das Gebäude ging in den Besitz der Familien von Veltheim und von Bodenhausen über.

Herzog Friedrich Ferdinand (1769-1830) erwarb es schließlich als Sommersitz für seine Frau Julie. Für die Herzogin wurde es vom Baumeister Bandhauer aufwändig umgebaut, wobei die heute noch zu sehende klassizistische Fassade entstand. Als die Herzoginwitwe 1848 starb, ging das Haus als Erbe an die katholische Kirche. Diese nutzte es u.a., wie hier im Bild zu sehen, als Kinderheim und auch als katholische Schule. Spätestens ab den 1930er Jahren gab es dort dann ein Altenheim, das sich auch heute noch in dem sanierten und durch Anbau erweiterten Gebäude befindet.

Der Obelisk der Schnurbeins konnte nicht zuletzt durch finanzielle Unterstützung der Familie vor einigen Jahren erhalten werden. Marcus (II.) von Schnurbein und seine Frau wurden, nachdem ihre Särge dem Zerfall zum Opfer gefallen waren, in neue Särge umgebettet und unter Leitung von Pfarrer Scholz wieder an alter Stelle beigesetzt.