Wallstraße

Zu sehen ist eine Szene in der Wallstraße, fotografiert wohl in den 70er Jahren oder kurz darauf. Die Wahl fiel auf dieses Bild vor allem wegen Schrift über dem Torweg des Gebäudes: „Jugendklubhaus Artur Becker“ steht dort. Die Geschichte des Hauses ist sehr viel älter. Um 1720 erbaut, tritt das herrschaftliche Haus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr in Erscheinung. Ferdinand Katsch war Leiter des Städtischen Lazaretts und Armenhauses in Berlin, hatte Homöopathie studiert und kam 1870 nach Köthen, um einige Monate nach dem Tod Arthur Lutzes dessen homöopathische Lutze-Klinik zu leiten. Die dortigen Praktiken lehnte er entschieden ab, ohne sie freilich ändern zu können. Katsch rühmte sich keiner Wunderkuren und wollte nur Kranke jeder Art, mit Ausnahme von Geisteskranken, nach wissenschaftlichen, homöopathischen Grundsätzen behandeln. Dies wollte er in dem Haus, welches auf dem Foto zu sehen ist, umsetzen und richtete dort nach dem Verlassen der Lutze-Klinik 1872 eine eigene Klinik ein. Sie zählte 21 Räume, ein Bade- und ein Gartenzimmer, ausgestattet bereits mit elektrischer Klingelanlage und Gasleitung. Dazu gehörte zudem ein englischer Garten.

Trotz Unterstützung durch die Vereinigung der homöopathischen Ärzte konnte sich Katsch nicht in Köthen halten.Selbst ein hochgradiger Freimaurer, verkaufte er sein Haus an die Köthener Freimaurer. Diese hatten seit 1859 bereits ein „Freimaurerkränzchen“ gebildet und konnten nach dem Hauskauf nun 1879 die Lichteinbringung für eine Loge vornehmen. Lange Jahre war die Johannis-Loge mit dem Namen „Ludwig zum Palmbaum“ ein wichtiger Mittelpunkt städtischen Lebens. Als Mutterloge hatte man die Berliner Loge „Royal York zur Freundschaft“ erkoren. Im Dritten Reich löste sich die Köthener Loge auf politischen Druck auf.

Im Krieg diente das Gebäude seit 1944 als Hilfskrankenhaus, Kriegseinsatzhaus und Volkssturmheim. Nach dem Krieg begann eine Nutzung als Gaststätte, die auch für Schulspeisung sorgte. In den 60er Jahren entstand im Gebäude das Jugendklubhaus „Artur Becker“. Nach dem der Start laut Berichten in der „Freiheit“ eher schleppend verlief, entwickelte es sich nicht zuletzt aufgrund sehr engagierter Leiter zu einem beliebten Treffpunkt mit Veranstaltungen von Disko bis zu Konzerten. Immer gut besucht, musste man am Einlass oft Wartezeiten in Kauf nehmen. 1996 kam das Aus, im September 2012 folgte der Abriss. In den alten Formen wieder neu gebaut, dient das Haus heute als Seniorenwohnanlage. Kleiner Tipp: Im Innenhof findet sich eine wunderbare und sehr große Wandmalerei von Steffen Rogge. Sie zeigt das Schloss Pszczyna in Polen, in dem einst die Fürsten von Anhalt-Köthen-Pless residierten.